Ein Förster auf Abwegen

Wie selbst in ein Märchen versetzt fühlte er sich, als das Verleger-Ehepaar Ingrid und Holger Brandt ihm 1999 tatsächlich vorschlug, doch all diese herrlichen Episoden als Kinderbuch zu drucken. Na, endlich!

FÖRSTER BODOS MÄRCHENWELT – zwei Bände mit Storysammlungen erschienen im KiGa-Fachverlag St. Ingbert.So entstanden Förster Bodos Märchenwelt : Einblicke in die Natur – Wissensvermittlung märchenhaft dargestellt (2000, 96 Seiten, 249 x 200 mm, 18 Euro, nicht mehr lieferbar) und als Fortsetzung Neues aus Förster Bodos Märchenwelt (2003, 127 Seiten, 248 x 202 mm, 19,90 Euro, zu beziehen über amazon.com). Beide Titel erschienen im KiGa-Fachverlag in St. Ingbert.

“Über 23.000 Exemplare wurden insgesamt verkauft“, erinnert sich Marschall, „aber ab 2003 erhielt ich die vereinbarten halbjährlichen Verkaufsabrechnungen nur sehr zögerlich.“ Wenn dann Verdrängtes über schleppende Zahlungen und ungedeckte Schecks hochschwappt, merkt man ihm an, wie ihm das immer noch nahegeht. Selbst nach all den Jahren. Marschall: „Einen Teil des vereinbarten Honorars habe ich überhaupt nie erhalten. Ich befürchte, da hat mal wieder jemand Umsatz und Gewinn verwechselt.“

Ein äußerst erregter Holger Brandt widerspricht bei einem Telefonat mit der Viewfinder-Redaktion vehement: „Was Herr Marschall behauptet, ist unwahr. Er hat alles Geld, das ihm zustand, erhalten.“ Der Geschäftsführer des Kiga-Fachverlag redet sich in Rage: „Sie und auch Herr Marschall werden von meinem Anwalt hören.“

Ungetrübt glücklich war Förster Bodo mit den Bänden eh nicht gewesen. Da mehrere Storys jeweils zu einer Ausgabe zusammengefasst wurden, kam für ihn seine Botschaft eindeutig zu kurz. Auch war die Bebilderung von KiGa-Hausillustrator Willy Walinski zwar handwerklich sauber ausgeführt, dennoch nicht sonderlich inspirierend. Das Onlinehandbuch Kindergartenpädagogik bezeichnet sie als „biologisch-naturwissenschaftlich stimmig“. Von Spaß beim Betrachten hat da keiner was gesagt.

Die Querelen ums Honorar, auch der rüde Umgangston im Verlag hatten den enthusiastischen Förster mürbe gemacht. Ihm erstmal die Lust aufs Büchern vergällt. Im Oktober 2004 verließ der Fachverlag unter fragwürdigen Bedingungen St. Ingbert, zog um nach Bingen. Nicht einer der Stammmannschaft folgte dahin. Bodo Marschall sah überhaupt keinen Nährboden mehr für eine weitere Zusammenarbeit.

Aber eigentlich konnte ihm nichts Besseres passieren. Denn wieder einmal hatte er den Blick frei für Neues. Und traf 2005 bei einer Werbeagentur auf Christoph Semmelrodt.
„Der Stil seiner Zeichnungen hat mich sofort überzeugt“, schwärmt Marschall. „Wir haben uns auf Anhieb gemocht. Das war eine Fügung: Ich wollte früher immer Kunst studieren, er wollte Förster werden.“

Vorsehungsweise hat sich Semmelrodt für die Kunst entschieden. 1976 geboren, studierte er zunächst an der Freien Kunstschule Stuttgart, dann an der Fachhochschule für Technik und Gestaltung in Mannheim. Heute lebt er als Freier Kommunikationsdesigner im ländlichen Stadtteil Rosswälden von Ebersbach an der Fils. „Ich hab hier mein Büro im Grünen, außerhalb der Stadt“, betont er im Viewfinder-Gespräch. „Ich war schon von Kindesbeinen an sehr verbunden mit Natur.“ Passt.

Da haben sich zwei gefunden. „Jeder weiß vom anderen, wie der tickt. Wir lernen täglich voneinander.“

Schnell war der Plan geboren: Wir machen gemeinsam ein Buch. Diesmal sollte es kein Sammelband sein, sondern ein Vorlese-Bilderbuch mit einer einzigen Handlung, mit ausgiebig Platz für Emotionen und Atmosphäre, mit ausgiebig Platz aber auch für konzentrierte Naturkunde.

„Am Liebsten hätte ich mit zehn Geschichten gleichzeitig angefangen“, feixt Bodo Marschall. „Aber Boden ist ja ein zentrales Anliegen, Boden ist ein Grundelement des menschlichen Daseins.“ So fiel die Wahl auf Marie und der Heinzelmann Pit, nun umgetauft in ein griffiges Der Zauberkristall. Und das Thema Boden wurde gleichzeitig zur Basis eines fruchtbaren Zusammenwirkens zweier Perfektionisten.

Stolze Macher: Illustrator Christoph Semmelrodt (links) und Märchenförster Bodo Marschall stellten am 23. August 2009 ihr Vorlese-Bilderbuch DER ZAUBERKRISTALL vor.Ein geneigter Wunschwaldwichtel sollte die beiden noch die Fährte eines Lektors kreuzen lassen, der mit derselben Begeisterung drangeht wie sie selbst. Renate Bernstein hat es leider versäumt, den Zauberkristall-Autor bei der Hand zu nehmen und sicher durchs literarische Dickicht zu führen.

Dass der Heinzelmann Pit sich auch mehrmals Pitt schreibt, verbuche ich gerne als handwerkliches Geschludere. Als dieser Pit aber seine Einzigartigkeit betont („ … gibt es noch jemanden, der so aussieht?“), unter der Erde dann gleich Heinzelmassen „so wie Pit“ mit ihren Schubkarren umherquietschen, wäre ein lektorisches Ärmelzupfen sicher willkommen gewesen. Auch der Rat, das Ganze nicht aus der Sicht von Marie zu schreiben, sondern eben als Förster Bodos Waldgeschichte, erzählt von ihm selbst, wäre ein guter gewesen.



 
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