Ein Förster auf Abwegen

„Wenn ich die Kinder frage: ‚Was wäre denn ein Abenteuer für euch?‘, dann antworten sie oft: ‚Na, im Wald übernachten!‘ Und im gleichen Atemzug bedauern sie , dass es verboten ist, die Natur zu stören, dass man auf den Wegen bleiben muss“, berichtet Bodo Marschall. Bambi und Klopfer sind überall.

Seit 1975 ist er im grünen Zwirn unterwegs. Und seither will er Vorurteile und Unwissen abbauen. Will Naturverklärung ersetzen durch Naturerlebnis und Naturverständnis.

Deshalb hat er auch den Zauberkristall erdacht und aufgeschrieben. Liegt doch auf der Hand, nicht? Was hier nun allerdings einfach nur offensichtlich und logisch klingt, locker mal durchgezogen, war ein durchaus langer, oft mühsamer Weg. Mal Umweg, mal Irrweg, mal Seitenweg. Bodo Marschall ist ein Förster auf Abwegen – aber er ist es bewusst und mit Hingabe.

Bereits Anfang der 1990er hatte Marschall die Idee, phantasievolle, gefühlsbetonte Geschichten mit einem Bezug zum Wald zu verfassen.

Er ist Vater von fünf Töchtern und passionierter Erzähler von Gute-Nacht-Geschichten. „Für jede meiner Töchter habe ich mir eine speziell ausgedacht“, lächelt der Märchenförster. Seiner Marie, der Zweitältesten, widmete er Marie und der Heinzelmann Pit.

Was seine Mädels liebten, musste doch wohl auch andere begeistern. Mit einem dicken Manuskript, säuberlich maschinegetippt, durchwanderte er ausdauernd die Frankfurter Buchmesse. Verlage, Verlage, Verlage. Er traf auf viele freundliche Gesichter, reichlich interessierte Mienen und – jede Menge Absagen: „Den Kinderbuchverlagen war das alles zu naturwissenschaftlich, den Schulbuchverlagen dagegen zu märchenhaft.“ Aber so ein Förster ist ja abgehärtet und dreiwetter-taff.

“Man muss ja wirklich von seiner Idee besessen sein, um das über einen langen Zeitraum immer wieder zu probieren“, sinniert der Unermüdliche heute im Rückblick. So wurde aus dem Märchenautor erstmal ein Märchenerzähler. Er tourte durch die Lande, las vor, improvisierte. Über die Jahre hat er darin einen ganz eigenen Stil entwickelt , nahm sogar Nachhilfe bei einem Pantomimen. Mittlerweile sind seine Waldspaziergänge mit Märcheneinlage begehrte Events. Förster on demand. Natürlich oft ausgebucht.

Rund um St. Ingbert und den Bliesgau ist er unterwegs und berichtet von Hannibal, der stärksten Ameise der Welt, vom Rehböckchen Schlüpfer, von Willi Wunschwaldwichtel, von Knolle Grinsepilz. Und immer wieder auch von Marie und dem Heinzelmann Pit. Rund dreißig Geschichten und ungezählte Charaktere hat er im Repertoire.

Dichte Rauchschwaden qualmen aus der Sandsteinhöhle über dem Oberwürzbacher Fischweiher. Drinnen: Ein loderndes Lagerfeuer, Flammen züngeln, es knistert wohlig. Dahinter: Bodo Marschall, geheimnisvoll erleuchtet vom Lichtschein der Glut. Er wispert, er raunt, mal piepst er in hohen Tönen, mal brummelt er mit tiefer Stimme. Dazu hört man leise Streicher, Oboen, Filmmusik von der CD.

Gebannt schauen ihm entrückte Kinderaugen zu. Um ihn her sitzen Jungen und Mädchen, Schüler einer Grundschulklasse. Auch sie wollen wissen, wie es mit der Winz-Marie wohl weitergeht. Bodo Marschall liest nicht einfach ab, er erzählt frei, saarländisch gefärbt, er erlebt, er schlüpft in all die verschiedenen Figuren, imitiert die Bewegung von Insekten, zieht Grimassen, fuchtelt wild mit den Armen. Der Märchenförster hat die Kinder gepackt. Wieder einmal.



 
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